Der erste der Seven Summits ist geschafft: Nicolas Scheidtweiler erreicht am 28. Juli 2016 den Gipfel des Elbrus

„Yes, we did it!“ Nach 8,5 Stunden und 1.840 endlosen Höhenmetern erreicht Nicolas Scheidtweiler den höchsten Gipfel Europas mit 5.642 m! Der erste Schritt für 7summits4help ist vollbracht, jetzt fehlen „nur“ noch sechs weitere Gipfel, um das außergewöhnliche Hilfsprojekt erfolgreich zu beenden.

Das Elbrus Hilfsprojekt

Die Erlöse fließen 1:1 in die Trauma-Behandlung junger unbegleiteter Flüchtlinge in Griechenland. German Doctors und ARSIS (Kooperationspartner vor Ort) bieten Therapien an, mit deren Hilfe die jungen Flüchtlinge ihre Erlebnisse verarbeiten können. 2.350 EUR Spenden kamen über Nicolas‘ 7summits4help dafür zusammen.  Wer für sein aktuelles Projekt zum Kilimanjaro spenden will, kann das hier tun.

(c) German Doctors

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Wie kam es dazu?

Nachdem der Bremer Nicolas Scheidtweiler 2015 sein Spenden-Projekt 7summits4help ins Leben gerufen und im März 2016 die Partnerschaft mit den German Doctors besiegelt hat, sollte die erste Gipfel-Besteigung noch im gleichen Jahr stattfinden. Der Elbrus im russischen Kaukasusgebirge bietet sich an: Als höchster Berg Europas ist die Planungs- und Vorbereitungszeit vergleichsweise kurz. Und auch sportlich-konditionell setzt der Elbrus keine speziellen Leistungen voraus, so jedenfalls die Annahme von Scheidtweiler, der aufgrund seines Alltagsprogramms aus sieben Mal Sport pro Woche (Laufen, Klettern, Krafttraining) über eine außerordentliche Grundfitness und Kondition verfügt.

Am 22. Juli 2016 trifft Scheidtweiler nach einer 16-stündigen Anreise in Mineralnye Wody sein Team: Den russischen Bergführer Alexey Uliyanov und sechs weitere Russen, ein Norweger, ein Schwede, ein Ägypter, ein Schweizer und seinen Kletterfreund Tobias Dazenko aus Deutschland. Zwölf Männer, sechs Nationen, ein Ziel: der Elbrus-Westgipfel.

Das Team am 24. Juli 2016

Das Abenteuer beginnt

23. Juli 2016

Der dritte Tag der Reise ist der erste Tag ins Abenteuer. Um 9.00 Uhr geht es los: Eine Stunde Autofahrt nach Kislovodsk, von dort aus zu Fuß weiter zum Basecamp auf 2.500 m. Dort richtet sich die bunte Truppe für zwei Nächte ein. Zur ersten Akklimatisierung geht es am Nachmittag auf rund 3.000 m. Die Luft ist dünn, ab und an zeigt sich dafür der Elbrus zwischen der Wolkendecke.

Das Basislager auf 2.500 m

24. Juli 2016

Um 8.30 Uhr startet Scheidtweiler mit seinem Team zur nächsten Etappe: Das auf rund 3.800 m gelegene Hochlager. Nach reißenden Flüssen, Gletschern und Moränen sind sie um 12.00 Uhr da – eine sehr gute Leistung! Konditionell ist das multinationale Team also bestens aufgestellt, trotzdem kämpft jeder auf seine Art mit der Höhenanpassung, die u.a. Müdigkeit und Magenprobleme hervorruft.

25. Juli 2016

Diesmal wandert die Gruppe zur Übernachtung ins Elbrus-Highcamp. Von da aus geht es zur Akklimatisierung auf ca. 4.000 m, das bedeutet 1.400 Höhenmeter zuzüglich Abstieg zur Akklimatisierung.

 

Erster Schnee am Elbrus

 26. Juli 2016

Eisaxt und Steigeisen kommen zum ersten Mal zum Einsatz. Die Besten haben es erstmals auf 4.800 m geschafft. Scheidtweiler selbst muss auf 4.640 m abbrechen. Magen und Darm machen nicht mehr mit. Der Körper ist müde. Der Berg erweist sich schwerer als gedacht.

 

 

27. Juli 2016

Ruhetag. Das Kräftetanken ist dringend nötig. Dank der Träger gibt es jeden Tag frische Nahrungsmittel, die sie täglich vom Basecamp nach oben tragen. Das Essen ist nahrhaft und russisch-lecker.

 

Der Gipfel

28. Juli 2016

Der längste Tag beginnt um 0.30 Uhr: Nach Haferflocken und Tee geht es um 1.00 Uhr los. Scheidtweiler ist in keiner guten Verfassung. Magenkrämpfen und Durchfall haben ihn in der kurzen Nacht geplagt. Aber er will unbedingt auf den Westgipfel: „Jetzt, wo ich schon so weit gekommen bin!“ denkt er. Auf 3.800 m müssen die schweren Steigeisen angelegt werden, um das steile 2 km Eisfeld zu bewältigen. Die Kräfte schwinden, Waden und Achillessehnen tun weh. Ein erster Gedanke ans Aufgeben. Scheidtweiler bleibt zurück, kämpft allein gegen die leeren Muskeln. Der anfangs leichte Rucksack drückt schwer auf den Schultern.

Gegen 3 Uhr ist die Nacht am kältesten. Wind zieht auf. Die Temperatur sinkt auf -15° Celsius. Scheidtweiler spürt seine Hände und Füße nicht mehr. Der Körper versorgt erst das Wesentliche. Sein Wasserschlauch zum Trinken ist trotz Isolierung eingefroren. „Hätte ich doch eine Thermoskanne mitgenommen, ich Idiot!“ Sein Körper will umdrehen, doch der Geist zwingt ihn zum Weitergehen. Der Elbrus verpasst ihm eine Lehrstunde.

Auf einmal wird der Rücken warm – Sonnenaufgang! Ein roter Schimmer schiebt sich über die Hügel des Kaukasus‘. Tränen steigen ihm in die Augen. Endlich ein neuer Motivationsschub.

Kräftezehrender Aufstieg

Es ist 5.00 Uhr, rund 1.100 Höhenmeter sind geschafft. Auf 4.900 m erreicht Scheidtweiler wieder sein Team. Die Traverse zum Westgipfel muss er wegen der tückischen Spalten angeseilt gehen. Was jetzt kommt, kennt er noch nicht und es wird das härteste, was er je getan hat: Ein steiler Anstieg über 2 km ohne Sicht auf ein Ende. Alle 10 Minuten bittet jemand um kurze Rast. Es ist wie verhext: „Wo ist der fucking Summit?“

Nach gut 6,5 Stunden erreicht das Team ein Plateau auf 5.300 m. Es ist der Fuß des Westgipfels. Es fehlen noch 300 Höhenmeter. Der Anstieg ist steil, noch steiler als alles zuvor, klettern ist angesagt. Zehn Schritte gehen, eine Minute Pause. Die Knie zittern.

Dann noch ein letzter steiler Anstieg und auf einmal – nach 8,5 Stunden und 1.840 Höhenmetern – hat Scheidtweiler den höchsten Berg Europas erreicht! „Yes, we did it!“ Ein erhabenes Gefühl macht sich breit. Tränen. Doch zu lange darf nicht verweilt werden, denn der Verlust der Kräfte in der Höhe ist zu groß.

Endlich auf dem Gipfel!

Absteigen. Der Kopf ist wie Watte. Nachlassende Kräfte und die zunehmende Müdigkeit sind das Risiko beim Abstieg. Scheidtweiler rutscht immer wieder weg, knickt um. Die Euphorie ist verflogen, Knie und Schultern schmerzen wieder. Während der letzten 1.000 m zieht dichter Nebel und ein Sturm auf. Es donnert, schneit und regnet. Wut verdrängt die Freude über das Erreichte. Noch 500 m. Jetzt kommen unangenehme Eisplatten. Endlich, endlich taucht das Lager auf.

Um 13.30 Uhr liegt Scheidtweiler in seinem Schlafsack. Langsam macht sich Stolz breit. Teammitglied Mahmoud, der schon den Aconcagua, mit 6.962 m der höchste Berg Südamerikas, bestiegen hat, fasst zusammen: „That was the fucking hardest thing, I ever did!“

“That was the fucking hardest thing, I ever did!”